Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt

(...) Mit unserem Buch möchten wir die Geschichte des schwulen Lebens in Hamburg von der Weimarer Republik bis Ende der 80er-Jahre nachzeichnen. Dies umso mehr, als Hamburg die zweitgrößte Stadt Deutschlands ist und im Jahr des Erscheinens dieses Buches mit Ole von Beust einen Ersten Bürgermeister hat, der trotz – oder vielleicht auch wegen – des Bekanntwerdens seiner homosexuellen Veranlagung von der Mehrheit der Hamburger gewählt worden ist. Dies passt durchaus zu Hamburgs liberalem Ruf als Schwulenhochburg Anfang der 50er-Jahre, der allerdings wenig später durch Tanzverbot und Einwegspiegel in öffentlichen Toiletten in Misskredit geriet.
Hamburg ist neben Berlin, Köln und München die deutsche Großstadt mit der ausgeprägtesten Schwulenszene. (...) Dieser Teil der Freien und Hansestadt Hamburg in Geschichte und Gegenwart ist in den traditionellen Hamburg-Publikationen weitestgehend ausgespart, aus welchen Gründen auch immer.
So erfreulich die Erfolge der Schwulenbewegung während der letzten Jahre auch sind, Berichte über die mögliche Existenz von Rosa Listen in verschiedenen Bundesländern machen heute ebenso hellhörig wie Äußerungen des schwulen Hamburger Justizsenators Roger Kusch anlässlich des Christopher Street Days (CSD) 2005, wonach Coming-out-Gruppen überflüssig seien und der CSD ein gesellschaftliches Ereignis wie das Alstervergnügen sei.
Unsere Absicht ist, die Vielfalt des schwulen Spektrums zu zeigen – vom Bewegungsschwulen bis zu denjenigen, die sich heterosexuellen Normen weitgehend angepasst haben. (...)
Wir wollen an Schwulenaktivisten erinnern, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Wir wollen um Verständnis für unterschiedliche und von der „Norm“ – auch der homosexuellen – abweichende Lebensformen werben und zeigen, was Schwule alles erreicht haben. Wir wollen Denkanstöße geben für die heranwachsende Generation, in der Hoffnung, dass sie Gefahren rechtzeitig erkennen und danach handeln möge.
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Während der letzten drei Jahre hat Bernhard Rosenkranz Interviews mit über fünfzig Zeitzeugen geführt. Dabei ist er überwiegend mit offenen Armen empfangen worden. Erinnerungen von Zeitzeugen sind heute oft die einzige Möglichkeit, um an Informationen über Schwule und schwules Leben heranzukommen, das sonst – außer in homosexuellen Zeitschriften – vor allem in den Akten der Kriminalpolizei und der Gestapo vorkommt.
Immer wieder wurde uns gesagt, dass es höchste Zeit gewesen sei, unser Projekt in Angriff zu nehmen, da viele Zeitzeugen in den letzten Jahren verstorben sind. Der älteste, 96 Jahre alt, konnte noch über die Homosexuellenszene am Ende der Weimarer Republik Auskunft geben. Zum Teil hatten die Zeitzeugen seit Jahren nicht mehr mit jemandem über ihr homosexuelles Leben sprechen können. Einige Interviews zeigen, wie sehr die eigene schwule Identität durch Anpassung an die Normen der Gesellschaft in den Hintergrund getreten ist. Andererseits haben viele durch neu gewonnene Freiheiten eine lebensbejahende Einstellung zu ihrem Schwulsein bekommen. Leider ist ein Großteil der Wegbereiter der Schwulenbewegung, die als Zeitzeugen hätten Auskunft geben können, in jungen Jahren an Aids gestorben.
Wir haben viele Dokumente aus Privatbesitz zutage gefördert und sind dabei zu der Überzeugung gekommen, dass es in Hamburg dringend eines schwulen Museums oder einer Dokumentationsstelle bedarf, um diese zu sichten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Häufig warten die Besitzer nur darauf, ihre historischen Schätze zu zeigen. Mitarbeiter stünden zur Verfügung, doch fehlt es an Geldgebern und einer Institution, die sich dieses Aufgabenbereichs und dieser Materialien annimmt.
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Hamburg, im November 2005
Bernhard Rosenkranz
Gottfried Lorenz

Lambda